Tag: Schuld

  • Jule — Deutschland

    Jule — Deutschland

    Jule ist Mutter von zwei Kindern, wird bald heiraten und arbeitet als pädagogische Leitung in einem Gehörlosenverband. Sie reist gerne und macht Yoga, auch wenn ihr Familienalltag momentan nur wenig Zeit für ihre vielen Interessen lässt.

    Der Klimawandel ist für Jule schwer zu greifen. Am deutlichsten begegnet er ihr in alltäglichen Entscheidungen und den Diskussionen darüber. Ein Beispiel ist das Fliegen: Ihr sind die Auswirkungen bewusst, doch eine Zugreise ist häufig erheblich teurer – besonders für eine Familie. Dadurch gerät sie zwischen persönliche Wünsche, finanzielle Möglichkeiten und ein wachsendes schlechtes Gewissen. Dass die klimafreundlichere Möglichkeit oft die weniger leistbare ist, empfindet sie als falsch.

    Man hat schon ein schlechtes Gewissen mittlerweile.

    Unmittelbarer nimmt sie die Veränderungen durch das Verschwinden der Winter wahr, die sie aus ihrer Kindheit kennt. In Rosenheim spielte sie in großen Schneebergen und baute Iglus. Heute rieselt es manchmal nur noch ein wenig. Das prägt auch die Diskussionen in ihrer Familie über Skifahren und künstliche Beschneiung. Jule versteht die Kritik, doch das Skifahren gehört für sie zu ihrer Kindheit und zu der Region, in der sie aufgewachsen ist. Sie möchte, dass ihre Kinder es lernen, solange es noch möglich ist, und eigene Erinnerungen daran entwickeln können.

    Obwohl ihr die Zukunft Sorgen bereitet, möchte Jule nicht, dass diese Unsicherheit bereits die Gegenwart ihrer Kinder bestimmt. Sie werden sich zwangsläufig auf veränderte Bedingungen einstellen müssen. Die Angst davor soll sie jedoch nicht daran hindern, jetzt eine schöne Kindheit zu erleben.

    Die ständige Flut negativer Nachrichten macht Jule wütend und frustriert sie – besonders wenn ihr politische Entscheidungen unlogisch erscheinen und die eigenen Einflussmöglichkeiten begrenzt wirken. Deshalb schränkt sie ihren Medienkonsum bewusst ein und informiert sich gezielt. Ihre knappe Zeit und Energie investiert sie lieber in ihre Kinder und in ein stabiles Familienleben.

    Ihre Karten spiegeln diese Spannung wider. „Ups“ steht für Momente, in denen ihr plötzlich die Klimawirkung von etwas bewusst wird, das sie gerne tut. „Gruselig“ sind die möglichen Entwicklungen, besonders mit Blick auf ihre Kinder und spätere Generationen. Mit „nicht so schlimm“ versucht sie zugleich darauf zu vertrauen, dass Menschen umdenken und andere Wege finden werden.

    Mir geht es darum, dass meine Kinder eine schöne Kindheit haben – jetzt und nicht erst in zehn Jahren.

    Hoffnung macht mir, dass man sich ein Umfeld aufbaut, in dem es einem gut geht, egal was passiert – mit seinen Menschen, seiner Familie. In einem Wort: Liebe.

    Was macht mir Hoffnung?

    🇩🇪 Germany’s Greenhouse Gas Emissions

    Population 84.55 Million, Europe.

    Key Messages

    • Emissions: Germany emitted around 669 megatonnes CO2e in 2024, about 1.17% of the global total.
    • Per person: Emissions were around 7.9 tonnes per person per year in 2024, rated very high on a scale where any level above zero adds warming.
    • Trend: Germany’s emissions fell by around 30 megatonnes CO2e a year, or 3.69% yearly, over the ten years to 2024-slower than the 4% yearly global decline needed for Net Zero in 2050 and around 1.7 °C warming.
    • What drives it: CO2 makes up 85% of Germany’s emissions, methane 8.3%, nitrous oxide 4.8% and F-gases 1.5%.
    • Historic responsibility: Since 1851, Germany’s emissions have produced around 112,000 megatonnes CO2e of warming impact, about 2.87% of the global total, averaging around 10.1 tonnes per person per year-rated extremely high.
  • Sara — Finnland

    Sara — Finnland

    Man ist weiterhin ein handelnder Mensch, kann Entscheidungen treffen, etwas beginnen und sein Bestes tun.

    Sara ist mit einer Freundin von Finnland nach Oslo unterwegs und legt den größten Teil der Reise per Anhalter zurück. Erste Veränderungen des Klimas bemerkte sie ungefähr im Alter von zehn Jahren, noch bevor sie wusste, wie sie diese benennen sollte: Die Winter wirkten nasser, und zu Weihnachten lag manchmal kein Schnee. Später wurde der Klimawandel regelmäßig in der Schule behandelt, besonders im Englisch- und Schwedischunterricht. Da Sara nicht in einer Großstadt aufwuchs und ihre Familie nur selten Nachrichten sah, kam sie zunächst weniger mit Klimabewegungen in Berührung.

    Wenn sie sich die Zukunft vorstellt, sieht sie Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil das Leben dort unerträglich wird. Vor ihrem inneren Auge entstehen große Bewegungen von Klimaflüchtlingen nach Europa, sich ausbreitende Wüsten, schmelzende Gletscher und immer zerstörerischere Wetterereignisse. Diese Bilder lösen Stress und ein unübersichtliches, aufgewühltes Gefühl aus, zugleich aber auch eine gewisse Energie: die Frage, was getan werden muss, wenn sich die Folgen weiter verschärfen. Katastrophenbilder können ihrer Ansicht nach durch ihre ständige Wiederholung abstumpfen. Umso wichtiger sind für sie positive Beispiele und Orte mit gesunder, lebendiger Natur. Dort wird unmittelbar spürbar, was erhalten werden sollte. Das vermittelt ihr Frieden, Sicherheit und das Gefühl, dass es weiterhin eine Zukunft gibt.

    Ich schöpfe Hoffnung daraus, dass das Leben nachwächst, sich erholt und mich überrascht – selbst dort, wo etwas beschädigt wurde, entsteht immer wieder neues Leben.

    Was mir Hoffnung macht

    Dieses Bewusstsein beeinflusst Saras Alltag. Sie vermeidet unnötige Autofahrten, fährt per Anhalter und kauft fast nie neue Dinge. Selbst wenn sie etwas braucht, denkt sie darüber nach, wer es unter welchen Bedingungen hergestellt hat. Sie möchte einen möglichst kleinen negativen Fußabdruck hinterlassen, erlebt dabei jedoch auch Schuldgefühle. Ihre Eltern teilen viele dieser Werte und ernähren sich, auch durch den Einfluss von Sara und ihrer Schwester, zunehmend vegan. Gleichzeitig waren es ihre Eltern, die ihr ursprünglich die tiefe Verbundenheit mit der Natur vermittelt haben.

    In der Schulzeit führten Klimafragen zu Diskussionen und Konflikten. Sara wird bisweilen noch immer wütend, versucht aber zu verstehen, von welchem Ausgangspunkt andere Menschen handeln und welcher Druck hinter Konsum oder dem Wunsch nach Zugehörigkeit stehen kann. Gegenüber politischem Aktivismus ist sie unsicher; ihre Haltung drückt sie momentan vor allem durch persönliche Entscheidungen aus. Sie erkennt, dass sie Verantwortung manchmal vermeidet, weiß aber zugleich, dass sie handeln, etwas beginnen und ihr Möglichstes tun kann.

    Das Vogelhausfestival ihres Onkels steht für die Form des Engagements, die Sara ermutigt: Menschen bauen gemeinsam Vogelhäuser, hören Musik und bringen die Häuser in den Wald. Verantwortung für die Natur wird dadurch konkret, gemeinschaftlich und freudvoll. Auch die Natur selbst schenkt ihr Kraft. Ein Wald kann für sie wie ein begehbares Kunstwerk sein. Selbst wenn ihre Gedanken schwer bleiben, kann ihr Körper die Schönheit eines Sonnenuntergangs oder einer Landschaft noch wahrnehmen. Ebenso wichtig ist ihr echte menschliche Verbundenheit.

    Ich versuche, einen möglichst kleinen negativen Fußabdruck zu hinterlassen.

    🇫🇮 Finland’s Greenhouse Gas Emissions

    Population 5.62 Million, Europe.

    Key Messages

    • Emissions: Finland emitted around 88.6 megatonnes CO2e in 2024, around 0.16% of the global total.
    • Per person: Emissions were around 15.8 tonnes per person per year, rated extremely high on a scale where any level above zero adds warming.
    • Trend: Emissions rose by around 0.093 megatonnes CO2e a year over the ten years to 2024, rather than the 4% yearly decline the world as a whole needs to achieve Net Zero in 2050 and limit warming to around 1.7 °C.
    • What drives it: CO2 made up around 86% of emissions, nitrous oxide 7.2%, methane 6.2% and F-gases 0.91%.
    • Historic responsibility: Since 1851, Finland’s emissions have produced around 8,660 megatonnes CO2e of warming impact, around 0.22% of the global total, or around 13.7 tonnes per person per year.
  • Gwenaëlle — Frankreich

    Gwenaëlle — Frankreich

    Gwenaëlle (46) – lebt seit zwölf Jahren auf Korsika und hat einen Hintergrund in ökologischer Renaturierung. Die Natur ist für sie Arbeitsfeld, Quelle der Freude und ein Ort der Sicherheit. Das Draußensein erinnert sie an eine Kindheit, in der das Spielen im Freien Sicherheit gab.

    „Jeden Sommer sagen wir, es sei der schlimmste, trockenste und heißeste gewesen. Und jeden Sommer wird es mehr.“

    Während ihres Studiums begegnete ihr der Klimawandel als Bedrohung der Biodiversität und des Menschen als Teil der Natur. Zunächst schien die Gefahr weit entfernt. Sie sorgte sich um Menschen auf kleinen pazifischen Inseln, aber noch nicht um sich selbst. Heute machen die immer heißeren und trockeneren Sommer auf Korsika die Veränderungen unmittelbar spürbar. Als Wissenschaftlerin blieb sie mit eindeutigen Zuordnungen vorsichtig; das wiederkehrende Muster lässt sich kaum übersehen.

    „Ich glaube fest an das Leben, nicht an Technologie.“

    Bilder von Stürmen, Überschwemmungen und Schlammlawinen begleiten sie. Besonders erinnert sie sich an ein Mädchen, das bei einer Katastrophe in Südamerika im Schlamm feststeckte und starb, während die Welt zusah. Ob das Ereignis mit dem Klimawandel zusammenhing, weiß sie nicht. Dennoch kehrt das Bild bei extremem Wetter zurück. Es steht für Hilflosigkeit: zu wissen, was geschehen wird, und nicht eingreifen zu können. Das Leben selbst ist für Gwenaëlle trotzdem nicht hoffnungslos. Menschen können einander schützen, während das Leben mit oder ohne uns einen Weg finden wird.

    „Leben und Liebe sind dasselbe.“

    Über die Krise spricht sie leichter mit Freunden und jüngeren Menschen als mit Angehörigen, die sie leugnen. Ihre Mutter schützt sich ihrer Vermutung nach vor Schuldgefühlen, die der Boomer-Generation zugeschrieben werden. Unter Freunden hilft Humor: Das regenreiche Westfrankreich könne in zwanzig Jahren zur französischen Riviera werden.

    Gwenaëlle ist sich ihres Privilegs bewusst. Als weiße Frau in einem wohlhabenden Land erwartet sie, weniger gefährdet zu sein als Menschen mit geringeren Mitteln. Weniger Fleisch und Waren von weit her zu kaufen, Rad zu fahren und Flüge zu vermeiden, erscheint ihr als winziger Beitrag. Vielleicht verringert er eher ihr Schuldgefühl, als die Krise zu verändern. Zugleich bereitet ihr diese Lebensweise Freude.

    Bei der Kartenwahl stand „bald“ dafür, wie schnell sich die Bedingungen verschärfen könnten. „Beängstigend“ spiegelte ihre Sorge vor dem Zusammenbruch der Biodiversität, der ihr noch mehr Angst macht als der Klimawandel. Die Karte mit einer Katze und einem Herzen öffnete eine andere Richtung: Gwenaëlle vertraut stärker auf das Leben als auf Technologie. Leben und Liebe gehören für sie zusammen; Liebe könne zwischen Menschen und durch alles Lebendige einen Weg finden. Dieses Vertrauen besteht neben Angst und Unsicherheit.

    Hoffnung: „Hoffnung geben mir die Menschen. Ich glaube, dass sich immer mehr von uns engagieren werden – und dass eine neue Generation Veränderungen mitgestalten wird.“